Der 3. Tag begann genauso früh wie der 2., denn es sollte wieder ziemlich heiß werden und wir hatten einen ziemlich langen Abstieg nach Zams vor uns. Aber erst einmal ging es bergauf. Vorbei an dem wunderschönen Bergsee bei der Memminger Hütte weiter rauf in den Fels. Und da wurden wir direkt von ein paar Steinböcken begrüßt, die schon genauso früh auf den Beinen waren wie wir. Es war ziemlich beeindruckend sie so aus der Nähe durch den Fels springen zu sehen. Und irgendwie sah das bei denen so einfach und elegant aus. Nun ja, die tragen ja auch keinen 12kg Rucksack. Das wird der Grund sein. ;)

      Unser Aufstieg führte uns 400m von der Hütte bis zur Seescharte. Über ein Geröllfeld, vorbei an einem weiteren höher gelegenen Bergsee und dann etwas in den Fels hinein. Es war technisch bis dahin die anspuchsvollste Etappe, hat aber extrem viel Spaß gemacht. Ich liebe ja Herausforderungen und den Nervenkitzel, wenn man sich so richtig konzentrieren muss, auf das was man da tut. Und bergauf ist das auch alles nicht so ein Problem. Aber in der Seescharte angekommen musste ich dann tatsächlich das erste Mal so richtig schlucken. Denn dort hat man gesehen, dass die andere Seite des Bergs genauso aussah. Und das bedeutete, dass unser Abstieg eben genau so verlaufen würde. Marcus hatte uns zwar am Tag zuvor beschrieben, was uns erwartet, aber mit eigenen Augen sah das noch mal etwas anders aus. Ich war mir in dem Moment nicht so sicher, ob ich es jemals heil da runter schaffen würde. Und es war tatsächlich das erste Mal der Fall, dass ich freiwillig die Kamera in meinem Rucksack verstaut habe, um mich auf das konzentrieren zu können, was da vor mir lag.

      An dieser Stelle ein riesiges Lob an Marcus, der diese erste wirklich schwierige Situation super gemanagt und uns Schritt für Schritt erklärt hat, wie wir uns verhalten sollten. Wie man auch im Abstieg ohne zu Rutschen sicher übers Geröll geht und vor allem haben wir die wichtigste Regel gelernt: nicht reden, denn dann ist man nicht so konzentriert. Also ging’s langsam los. 2.090m Abstieg lagen vor uns. Die ersten 800 davon in diesem unwegsamen Gelände bis zur Alm für unsere Mittagspause. Und ich war mal wieder über mich selber überrascht, denn das alles ging erstaunlich gut. Langsam und Schritt für Schritt sind wir die ersten Meter gegangen. An jeder schwierigen Stelle, bei Seilen oder großen Tritten hat Marcus wieder in Ruhe erklärt und Hilfestellungen gegeben.

      Doch dann passierte, was alle immer befürchtet haben: ein Teilnehmer war einen Moment nicht so konzentriert und rutschte aus. Eigentlich gar nicht weit, doch er stürzte dabei sehr schwer, sodass er sich die Knöchel im Fuß brach und die Bänder gerissen sind. Wir brauchten also nun auch tatsächlich einen Heli, der ihn vom Berg holte. Zum Glück hatten wir an dieser Stelle einen einigermaßen funktionierenden Handempfang und konnten die Bergrettung verständigen. Alles ging ziemlich schnell und der Ablauf war sehr routiniert. Ich muss sagen, dass ich größten Respekt davor habe, was hier von dem Team der Bergrettung geleistet wird. Ich möchte den Moment nicht beschönigen, es war nicht toll und wir brauchten als Gruppe einen Moment, um das Geschehene zu verarbeiten und uns wieder selber zu konzentrieren. Denn für uns ging es ja weiter. Aber man muss auch leider dazu sagen, dass eine Alpenüberquerung eben kein Spaziergang ist und dass sich jeder vorab im Klaren über seine körperlichen Fähigkeiten sein sollte. Ich selber habe dies ja auch zum ersten Mal gemacht, aber ich weiß mich genau einzuschätzen und kann im entscheidenen Moment auch zugeben, dass ich Hilfe brauche und diese annehmen. Viele Unfälle, die wir in dieser Woche gesehen und berichtet bekommen haben, wären vermeidbar gewesen, wenn der-/diejenige ehrlich zu sich selber gewesen wäre. Denn der Heli fliegt in den Alpen leider mehrmals täglich. Und noch eine Sache, die ich in den letzten Tagen schon oft gefragt wurde, natürlich gibt es keine Fotos dieses Einsatzes oder irgendeines anderen.

      Wir mussten uns ein paar Minuten von dem Schock erholen und sind dann in Ruhe und ohne zu Quatschen zu der Alm für unsere Mittagspause abgestiegen. Dort gab es eine leckere Brotzeit mit Speck und Käse. Das muss man wirklich sagen: wir haben auf dem ganzen Weg immer hervorragend gegessen. Und wer mich gut kennt, der weiß, dass Essen in meinem Leben eine sehr große Rolle spielt. :)

      Die weiteren 1.000 Höhenmeter Abstieg waren zwar sehr lang, aber technisch nicht mehr so schwer. An Kühen vorbei über Bergwiesen, durch ein Waldstück mit sehr weichem Boden, der den Füßen gut getan hat und dann die Serpentinen runter bis nach Zams. Das erste Mal zurück in der Zivilisation erwartete uns ein echt tolles Hotel mit Pool und allen Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen kann. Und vor allem: heißes Wasser beim Duschen, das länger als 3-4 Minuten zur Verfügung stand. Es war also so etwas wie Wellness. Wir haben alle extrem gut geschlafen und waren frisch und erholt für die Etappe des nächsten Tages.